blaue waffel krankheit
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Es finden sich auf Erden viele wirklich merkwürdige Phänomene und seltene Erkrankungen, die auf den ersten Blick geradezu absurd anmuten. Für die Beteiligten sind diese Erkrankungen aber alles andere als lustig. Das Erfinden blödsinniger Phobien oder nicht existierender Erkrankungen mit absurden Symptomen trägt jedoch dazu bei, dass die Verbraucher, die erstmals davon hören, verwirrt sind.

Die Diskussionen und Fragen zu unglaublich klingenden Erkrankungen oder Phobien in Foren fallen entsprechend gemischt aus. Problematisch ist, dass dank einer Photoshop-Bearbeitung heute realistisch wirkende Bilder erzeugt und ins Netz gestellt werden können. Dazu werden abstruse Geschichten erdacht, von denen kein einziges Wort der Wahrheit entspricht. Das betrifft auch das Phänomen der „Blaue-Waffel-Krankheit“.

Gibt es eine „Blaue-Waffel-Krankheit“?

Um es gleich vorweg zu sagen: Diese Erkrankung ist ein mehr oder weniger gut gemachter Fake. Da die Weitergabe solcher Medizin-Fakes bestens funktioniert, verbreiten sich entsprechende Bilder schnell im Netz. Die jungen Menschen sind heute auf der Suche nach „krassen“ Phänomenen und irrwitzigen Geschichten. Sie schrecken nicht davor zurück, gegebenenfalls solche Dinge zu erfinden und mit gefälschten Belegen ins Netz zu stellen. Diese Aktionen dienen dazu, den Voyeurismus der anderen zu bedienen. Die Suche nach solchen Geschichten wird über die Suchmaschine „Google“ oder das Video-Portal „YouTube“ oft systematisch durchgeführt. Andere mit immer neuen Grusel-Geschichten zu schocken, ist heute ein Volkssport.

Die Existenz des „Blue-Waffle-Disease“ scheint sich dadurch zu bestätigen, dass viele Menschen darüber diskutieren und gefälschte Beweisfotos als vermeintlich echte Dokumente weiterreichen. Das Fake-Story-Phänomen ist bereits von den modernen Sagen bekannt. Diese Erzählungen über absurde Erlebnisse eines angeblichen Freundes oder der eigenen Schwester klingen trotz der schockierenden Inhalte wahr. Doch zugleich sollen sie die Fantasien anregen. Vor allem sollen die Fake-Erlebnisse als behauptet eigene Erlebnisse weiter verbreitet werden.

Moderne Sagen und Fake Stories haben Hochkonjunktur

Die modernen Sagen wurden vor Jahren schon zum Gegenstand des Studienfaches Volkskunde. Dass moderne Phänomene wie die „Blaue-Waffel“-Erkrankung jemals in einem seriösen Medizinbuch besprochen werden, ist allerdings fraglich. Viel interessanter, als dieses behauptete Krankheitsbild zu erforschen, wären jedoch Studien über die Interessen und Motivationen von Menschen, die sich an solchen Erfindungen delektieren. Andere vorzuführen und mit falschen Informationen zu füttern, ist ein Massenphänomen geworden. Solche Lügen werden mittlerweile sogar von Regierungen genutzt, um absichtsvolle Desinformationen und abstruse Gerüchte zu lancieren.

Paradebeispiele dafür sind Trumps Fake News-Lügen oder Putins Trolle, die massenweise für Desinformationen in sozialen Netzwerken sorgen. Irgendwann kann niemand mehr Lügen und Realitäten auseinander halten. Und genau darum geht es.

Was hat es nun mit der „Blaue Waffel“ Krankheit auf sich?

Wer im Internet stöbert ahnt bereits, dass dieser eine Quelle für diesen Mythos sein könnte. Übersetzt wurde der Text mit einer Übersetzungsmaschine. Die Quelle des Textes dürfte nicht zu ermitteln sein, da sie vermutlich im Ausland liegt und durch Online-Profis verschleiert wurde. Trotzdem dürfte von einem halbwegs gebildeten Internet-Konsumenten eindeutig erkannt werden können, dass es sich bei der Blaue-Waffel-Krankheit um Nonsens handelt. Demnach soll es sich um eine Geschlechtskrankheit handeln, die vermehrt Frauen befällt. Sie soll aber auch für Männer ansteckend sein. Es ist somit klar, wo Männer sich angeblich anstecken können: bei Frauen.

Tatsächlich ist es so, dass „waffle“ im Englischen ein Slang-Begriff für die weibliche Vagina ist. Damit ist für Insider klar, dass die Vagina der Frau das unsaubere, potenziell ansteckende und gefährliche Problem für den Mann darstellt. Zur Ursache der angeblich existierenden „Blaue-Waffel“-Erkrankung wird behauptet: Erkranken werde nur der- oder diejenige, die eine ungenügende Intimhygiene pflege oder ein schwaches Immunsystem habe. Auch das ist kompletter Blödsinn. Diese Behauptung wird dadurch gestützt, dass die Forschung angeblich die „Blaue-Waffel-Krankheit“ noch nicht hinreichend erforscht habe. Alles, was der Forschung untergeschoben wird, klingt erst einmal seriös.

frau bauchschmerzen
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Blaue Waffel: Die Legitimation der Geschichte

Mit dem verlogenen Hinweis auf medizinische Forschungsprojekte wird die Behauptung, dass eine „Blaue Waffel“-Erkrankung tatsächlich existieren soll, legitimiert. Gleiches wird mit den mehr oder weniger realistischen, auf jeden Fall aber erschreckend primitiven Fake-Fotos versucht. Jeder Mensch mit Kennerblick oder medizinischen Vorkenntnissen erkennt, dass hier ein Photoshop-Bastler am Werk war. Oftmals werden aber gar keine Fotos der Vagina gezeigt, sondern ein Foto bläulicher Wunden im Gesicht, wie im oben verlinkten Artikel. Solche Fotos mögen sogar echte Aufnahmen von bestimmten medizinischen Erkrankungen sein. Was zwei Wunden im Gesicht aber nun mit blauen Waffeln zu tun haben sollen, erschließt sich dem aufmerksamen Leser nicht.

Es geht aber gerade darum, zu schockieren und anderen Menschen Angst zu machen. Allein die Furcht, jemand anderes könne neben einem verfärbten Geschlechtsteil auch noch an offenen Stellen im Gesicht erkennen, dass man ein Opfer der „Blaue-Waffel-„Krankheit sein könnte, veranlasst viele Leser zum Nachdenken. Allerdings in eine komplett falsche Richtung. Wie gut solche Schock-Geschichten funktionieren, beweisen die vielen ungläubigen oder ängstlichen Nachfragen in Online-Foren.

Alter Fake, immer wieder neues Publikum

Der Fake mit der „Blue Waffle Disease“ funktioniert bereits seit 2008. Eigentlich waren damals nur ein bläuliches weibliches Geschlechtsteil und daneben eine blaue Waffel zu sehen. Beides war fotografisch schlecht gemacht. Den medizinischen Zusammenhang konnte niemand erkennen – aber das Bild im Kopf war geprägt. Prompt kamen die ersten Google-Nachfragen nach der „Blaue-Waffel“-Krankheit im Netz auf. Diese haben sich bis heute gehalten. Der menschliche Voyeurismus ist seit jeher groß. Unglaubliche Geschichten halten sich daher besonders hartnäckig, so abstrus sie auch klingen mögen. In neuerer Zeit sind millionenfach gelikte Schock-Geschichten mit Fotos oder gar Videos (ob echt oder gefälscht) der Burner.

Sie erbringen bei entsprechenden Klick-Frequenzen sogar Werbeeinnahmen in nicht unbeträchtlicher Höhe. Längst hat die Werbe-Industrie das werbliche Potenzial solcher Phänomene erkannt und nutzt es. Daher sind solche Geschichten am Ende eine Win-Win-Situation, an der die Werbeindustrie ebenso gut verdient, wie derjenige, der solche Videos erstellt. Hat jemand nur einige gefälschte Fotos zur Hand, postiert er diese eben in einem Video und wiederholt die Bilder in Endlos-Schleife. Dazu wird zu jeder Bildsequenz ein schriftlicher Kommentar gepostet, der die Inhalte der Bilder erläutert und bestätigt. Ist dann auch noch ein wichtigtuerischer Kommentator irgendeines Online-Magazins dazu befragt worden, wird die Echtheit und Authentizität der Geschichte quasi rückwirkend bestätigt.

Eine echte Krankheit: Das Blau-Syndrom

Im Gegensatz „Blaue-Waffel“-Fake ist das „Blau-Syndrom“ bzw. das „Blau’s Syndrome“ unter verschiedenen medizinischen Bezeichnungen wie „Arthrocutaneouveal Granulomatosis“ oder „Granulomatous periorificial dermatitis“ bekannt. Es handelt sich um eine reale Erb-Erkrankung. Sie wurde nach dem US-Kinderarzt Dr. Edward B. Blau benannt. Hierbei handelt es sich um eine seltene Erbkrankheit, die auf einer Mutation beruht. Das Blau-Syndrom führt zu ausgedehnten knötchenförmigen Hautausschlägen. Gelegentlich kommen auch Aderhaut-Entzündung am Auge oder Gelenkentzündungen vor. Die Behandlung des Blau-Syndroms ist langwierig und schwierig. Morbus-Crohn-Betroffene sind potenziell gehäufter betroffen.

Dass das Blau-Syndrom zum Aufhänger für das „Blaue-Waffel-Krankheit“ wurde, ist auszuschließen. Die Inspiration zu solchen Fake-Stories stammt meist aus anderen Quellen.