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Bastelshops und Stoffläden galten eine Zeit lang fast als ausgestorben, jetzt sprießen sie insbesondere in Großstädten wieder wie Pilze aus dem Boden. Offenbar finden wieder mehr Menschen gefallen daran, Kleidung und andere Textilien selbst zu nähen. Warum ist das so?

Handarbeit ist gut für die Seele

Es ist kein Zufall, dass vor allem Großstadtmenschen mehr und mehr die Kunst des Selbermachens (wieder) für sich entdecken. Das hat eine Vielzahl von Gründen. Zunächst ein kritischer Punkt: Selbermachen muss man sich leisten können! Wer den Großteil seines Tages damit zubringt, zu arbeiten und sich von der Arbeit zu erholen, der ist dankbar dafür, nebenbei nicht auch noch Stoffe kaufen und Bettbezüge nähen zu müssen.

Wer jedoch ein klein wenig Freizeit für ein Hobby hat, für den ist Nähen durchaus attraktiv. Dieses eher langsame Handwerk hat auf viele gestresste Menschen eine nahezu meditative Wirkung, weswegen beim Nähen sogar oftmals auf die Nähmaschine verzichtet wird, um den Prozess noch intensiver zu gestalten. Gleichzeitig hat das Erlernen eines Handwerks tatsächlich nachweisbare positive Effekte.

In der Psychologie spricht man von „Selbstwirksamkeitserfahrung“, wenn Menschen etwas gelingt, was sie sich vorgenommen haben. Leider sind solche Erfahrungen in unserer modernen Arbeitswelt eher selten geworden, weswegen Tätigkeiten, die langsam aber beständig vorzeigbare Ergebnisse produzieren, eine hohe Anziehungskraft ausstrahlen.

Nähen schafft einzigartige Produkte

Es gibt jedoch auch noch einen weiteren reizvollen Effekt, der beim Nähen sowie allgemein beim Selbermachen eine entscheidende Rolle spielt: Eigens hergestellte Produkte haben Charakter und sind einzigartig. Etwas, was man zu Hause mit viel Kreativität und Liebe hergestellt hat, gibt es in keinem Laden zu kaufen und entspricht – bei entsprechenden handwerklichen Fähigkeiten – ganz den eigenen Vorstellungen.

Wann geht man schon einmal in einen Laden und findet tatsächlich das ‚perfekte‘ Stück? So leistet Selbermachen etwas, was der moderne Konsummarkt nicht leisten kann: Einzigartigkeit und Individualität. Während vor allem im niedrigen Preissegment die Textilindustrie immer mehr dazu tendiert, konsensfähige Massenware zu produzieren, entscheiden sich viele Menschen dafür, ihre einzigartigen Stücke einfach selbst herzustellen.

Nähen ist zwar kein Kinderspiel, trotzdem kann man schon mit ein wenig Übung durchaus vorzeigbare Ergebnisse erzielen. Zahlreiche YouTube-Anleitungen zeugen davon, dass es mehr und mehr Menschen gibt, die gewillt sind, sich die Kunst mit der Nadel selbst beizubringen.

Was man selbst gemacht hat, schätzt man wert!

Zudem ist Nähen auch ein umweltbewusster Trend: Sehr viele Textilien werden heutzutage unter äußerst schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt – das trifft sogar noch in höheren Preissegmenten zu. Stoffe hingegen sind leicht zu beschaffen und stammen deutlich seltener aus einer ausbeuterischen Produktion.

Selbernähen ist zudem nachhaltig: Nicht nur halten selbst gemachte Kleidungsstücke oft länger, sie werden auch vom Besitzer weniger schnell weggeworfen. In diesem Sinne kann man dem Trend zum Selbermachen nur begrüßen.